Die Forderung, die Arbeitszeit immer flexibler zu gestalten, gibt es schon seit Jahren – und zwar von Arbeitgeber*innen und Gewerkschaften. Auch das Modell, das im Koalitionsplan der jetzigen Regierung vorgeschlagen wird, ist schon 2018 gefordert worden: Die tägliche Höchstarbeitszeit von 8 Stunden soll durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit ersetzt werden. Bei Ruhezeiten von 11 Stunden zwischen Feierabend und Arbeitsbeginn wäre so ein Arbeitstag von 13 Stunden denkbar.
Uns erwartet nicht einfach nur eine flexiblere Gestaltung der Arbeitszeit sondern vor allem eine Erhöhung der Arbeitszeit durch die Hintertür. Dabei steigt die geleistete Arbeitszeit schon seit mehr als 20 Jahren stetig an. Was aber nicht steigt, ist der Reallohn, um die immer teurer werdenden Lebensmittel und die explodierenden Mieten zu zahlen. Hieran wird auch die Ausweitung der Arbeitszeit nichts ändern! 1
Während wir einerseits also immer mehr arbeiten und die Produktivität seit Jahrzehnten so stark ansteigt, dass wir längst der gesamten Weltbevölkerung einen angenehmen Lebensstandard ermöglichen könnten, kommt von den erarbeiteten Werten immer weniger bei uns an! Die meisten von uns kommen gerade so über die Runden oder sind froh, wenn sie am Ende des Monats bei einer glatten Null auf dem Konto rauskommen. Auch unsere Infrastruktur bröckelt weiter vor sich hin und es werden immer mehr Schwimmbäder oder sogar Brücken geschlossen.
Trotzdem sollen „wir“ den Gürtel enger schnallen für das, was uns als das Allgemeinwohl verkauft wird, in Wahrheit aber der Profit der Unternehmen ist. Kurzum, wir können uns nicht auf die herrschende Politik verlassen, dass sich hieran auf kurz oder lang etwas ändern wird!
Zwar wird auch immer wieder behauptet, dass auch Arbeitende sich mehr Flexibilität wünschen, in der Realität wird sie jedoch komplett einseitig umgesetzt. Ganz zu schweigen davon, dass der Wunsch nach flexibleren Arbeitszeiten eigentlich nur eine Anpassung daran ist, was in unserer Gesellschaft eh schon normal ist! Wir müssen immer auf Abruf stehen, und auch sofort zur Stelle sein, wenn uns die Chef*innen rufen, die Mails noch vor und nach der Arbeit checken und oft (unbezahlte) Überstunden machen, wenn „der Betrieb“ es verlangt.
Wer würde denn bei komplett freier Wahl entscheiden, den Großteil der Tageszeit so lange mit Arbeit zu verbringen, bis keine Zeit mehr für Freund*innen, Familie, Hausarbeit, Pflege oder Freizeit bleibt? Der allgegenwärtige Mangel an allem macht es ja schon schwer genug, Zeit auch für die schönen Dinge im Leben zu haben: Es wird immer schwieriger, Ärzt*innen zu finden (die auch selbst oft viel zu überarbeitet sind) und einen freien Kita-Platz kann man, trotz der „Garantie“ auf einen solchen, komplett vergessen! Auch die Anfahrt zur Arbeit, egal ob mit dem Auto oder dem Zug, kostet bei den zugestopften Straßen und der chronisch verspäteten Bahn neben den eigenen Nerven auch immer mehr Lebenszeit!
Und wo bleibt eigentlich die Flexibilität, wenn sich Arbeitende mal krankmelden, Urlaub nehmen oder einfach weniger Wochenstunden machen wollen? Häufig enden solche Versuche damit, dass sowieso schon überarbeitete Kolleg*innen die liegengelassene Arbeit übernehmen, weil nie genug Leute angestellt werden, um alle anfallenden Aufgaben zu erledigen. Anstatt darin Entscheidungen der Unternehmen zu erkennen, die Geld sparen (müssen), werden stattdessen die Arbeitenden dafür angegangen, menschliche Bedürfnisse zu haben.
An Verkürzungen der Arbeitszeit wird hingegen selten gedacht. Wenn Modelle wie die 4-Tage-Woche in Erwägung gezogen werden, dann immer mit so großen Nachteilen verknüpft, dass sie keine wirklichen Verbesserungen darstellen. So sollen wir dann entweder das Arbeitspensum von 5 einfach an 4 Tagen durchziehen oder auf Geld verzichten. Also müssten wir uns dann entweder an weniger Tagen noch kaputter machen, was durch einen weiteren freien Tag sicherlich nicht ausgeglichen werden kann, oder wir müssten halt mal ein paar Mahlzeiten auslassen, die wir uns nicht mehr leisten können.
All das zum Wohle „unserer Wirtschaft.“ Nur komisch, dass der Gesundheitszustand der deutschen Wirtschaft immer nur dann für uns spürbar wird, wenn das Wachstum stagniert und wir für den Wirtschaftsstandort auf Lohn und Freizeit verzichten müssen. Ganz zu schweigen davon, dass wir keinerlei Entscheidungsmacht über „unsere Wirtschaft“ haben. Wir können sie weder umgestalten, noch aus ihr aussteigen. Dass wir für den Reichtum unserer Unternehmen und den Erhalt unserer Staaten arbeiten, scheint gesetzt. Es wird Zeit, dass wir uns nicht mehr auf die nationalistischen Märchen einlassen, nach denen wir angeblich mit unseren Chef*innen im gleichen Boot sitzen! Stattdessen teilen wir die gleichen Interessen wie (indirekt) lohnabhängige Menschen auf der ganzen Welt. Die Konkurrenz, die momentan zwischen uns besteht und uns alle in unseren durch den Fortlauf der Geschichte konstruierten Nationen in das gleiche Hamsterrad zwingt, ist nicht naturgegeben.
Wir müssen uns klarmachen, dass es keinen grundlegenden Unterschied macht, ob Politiker*innen und Arbeitgeber*innen unsere Lebensrealität verbessern wollen oder ob sie es nur vorgeben. Es ist klar, dass wir von dieser Seite keine Besserungen erwarten können, alleine, weil Staaten und Unternehmen ebenso wie die Arbeitenden in ständiger Konkurrenz stehen. Die viel beschworenen „Sachzwänge“ scheinen wie von Zauberhand dafür zu sorgen, dass immer mehr unserer Zeit und Energie in immer weiter wachsende Produktivität umgewandelt werden muss.
Trotz allem ist der Kampf um kürzere Arbeitszeiten nicht vergeblich. Wir müssen uns wieder klar machen, was wir tun, wenn wir uns aus dem Bett quälen, um zur Arbeit zu gehen: Wir bezahlen mit unserer endlichen Lebenszeit für das „Privileg“, überleben und weiter zur Arbeit gehen zu können. Abgesehen davon, dass Arbeit unseren Tod oder zumindest gesundheitliche Probleme auch gehörig beschleunigen kann. Diese Wut zu akzeptieren ist der erste Schritt, um diese Verhältnisse nicht mehr hinzunehmen.
Anstatt uns nur alleine aufzuregen, müssen wir uns austauschen, und zwar mit allen Leuten in unserer Umgebung: Den Arbeitskolleg*innen bei der Kaffeepause, denjenigen, mit denen wir beim Amt in der Schlange stehen, unseren Mitschüler*innen auf dem Pausenhof, den anderen Eltern, die gerade ihre Kinder aus dem Hort abholen.
Wir müssen uns da organisieren, wo unser Leben stattfindet. Anstatt auf ausgehöhlte Forderungen der staatsnahen Gewerkschaften zu hoffen, müssen wir unsere Ideen selbst entwickeln und umsetzen. Mit Druck von unten statt erhoffter Wohltätigkeit von oben!
Von 47,7 Milliarden geleisteten Lohnarbeitsstunden in Deutschland im Jahr 2004 stiegen die Arbeitsstunden bis 54,7 Milliarden im Jahr 2025. Der Reallohn steigt allerdings nicht, denn dieser hat sich seit dem starken Abfall von 4% im Jahr 2022 noch nicht erholt. So bekommen wir jetzt gerade sogar weniger Geld für unsere Arbeitszeit, als wir noch vor dem Beginn der Corona-Pandemie bekommen habe.
Quellen:
